Vergiss nicht

Vergiss nicht, folg dem Sonnenlicht

Ich traf Hanna am Frühlingsanfang. Damals war ich neun Jahre alt und wahrscheinlich war sie nicht mehr als ein Jahr jünger. Ihre Familie erschien im Februar einfach in unserer Nachbarschaft und weil ich kein scheues Kind war, kam ich das neue Mädchen sofort begrüßen. Der Winter war lang und langweilig gewesen und es freute mich, eine neue Spielkameradin zu haben.

„Mein Papa hat hier einen Job gefunden,“ erklärte mir Hanna einmal. „Aber er sagt, dass wir nur ein paar Monate bleiben werden.” Sie machte eine Redepause, verengte ihre grauen Augen, als ob sie etwas rechnen würde, und sagte dann auf einmal: „Na ja, das sind noch viele Tage. Viel Zeit!“

So dachte ich nur selten daran, dass Hanna eines Tages weggehen wird. Wir liefen morgens in die Schule, nachmittags spielten wir … und so ist ein Jahr wie im Flug vorbeigerast.

„Also, wie findest du es, hier zu leben?“ fragte ich, als wir das erste Herbstlaub beobachteten.

„Es ist zu kalt hier,“ sagte sie, zitternd. „Zu Hause ist es wärmer. Zu Hause gibt es gelbe Sonne und gelbe Felder.“

„Aber wir haben viel Schnee! Manchmal schneit es schon im Oktober!“ versuchte ich. „Wir werden Schlitten fahren und ich kann meinen Vater fragen, ob du mit uns auch Ski fahren gehen könntest und …“

Sie war nicht überzeugt. Eigentlich schien sie sogar trauriger, daher verstummte ich. „Was ist los, Hanna?“

Zuerst sagte sie nichts. Ich bemerkte, dass ihre Augen dieselbe Farbe wie der wolkige, herbstliche Himmel haben.

„Ich glaube, dass wir schon davor zurückgehen werden.”

„Was??” Plötzlich wurde mir auch kalt. Ich vergaß ganz, dass sie hier nicht bleibt.

„Mein Papa hat diese Woche viel telefoniert. Ich denke, dass er zu Hause einen neuen Job bekommen hat.“

Lange schwiegen wir. Das ist unfair, dachte ich. Ich hatte Pläne. Wir würden zusammen eine Schneefestung bauen …

Aber jetzt wird sie in ein fernes Land gehen, ein wärmeres Land mit vielen Feldern und sie wird mich komplett vergessen … oder?

„Wir sollen ein Lied schreiben,” murmelte ich.

Sie wandte sich zu mir, zuerst verwirrt.

„Wir sollten ein Lied schreiben,” wiederholte ich lauter. “Wenn wir nicht mehr zusammen sind, können wir es singen und uns aneinander erinnern!”

Sie blickte wieder vor sich hin und sagte eine halbe Ewigkeit nichts, deswegen verzweifelte ich fast an der Idee. Dann begann sie zu singen.

„Wenn Schnee sanft von dem Himmel fällt,

und alles scheint wie vorgestellt,

sing dieses Lied, und glücklich sei,

erinnere dich an mich dabei.“

Als ich überrascht Hanna anschaute, lächelte sie stolz und erwartend. Die Melodie unseres neuen Liedes war schön und einfach. Ich setzte es fort.

Wenn du auf gelben Feldern bist,

wenn du nicht richtige Wege siehst,

sing dieses Lied, und sorg dich nicht,

vergiss nicht, folg dem Sonnenlicht.”

Hanna lachte und umarmte mich. Bald lachten wir beide und sangen das Lied immer wieder.

Die Sonne drang schließlich durch die Wolken und die Welt wurde eben ein bisschen wärmer.

Wie sie vermutete, reisten Hanna und ihre Eltern am Ende des Septembers ab.

„Wir werden einander wiedersehen,” behauptete ich beim Abschied. “Ich bin mir sicher.”

„Vergiss nicht unser Lied,” sagte sie.

Und so ist Hanna gegangen. Sie reiste in ihr Land zurück und hinterließ nur ein Lied, eine Erinnerung.

***

Zehn Jahre vergingen.

Nicht dass ich Hanna vergessen hätte. Aber irgendwann hörte die Erinnerung auf, mich zu begleiten.

Nur manchmal kam mich in Erinnerung die Melodie. Die Hälfte der Wörter verblasste.

Nur manchmal sah ich Schnee oder graue Wolken und konnte ihr Lachen fast wieder hören.

Ich wuchs auf. Ich trat der Armee bei. „Du wirst deine Heimat stolz machen,” sagten die Flugblätter. „Die Heimat braucht dich,” sagten die Anzeigen.

Am Frühlingsanfang … Na ja, es sollte der Frühlingsanfang sein. Es war noch immer zu kalt, obwohl März nahte. Immer öfter fragte ich mich, was ich hier mache. Ich träumte sogar davon, endlich nach Hause zu gehen, vielleicht einen neuen Job zu finden … Aber sie brauchen mich, dachte ich. Ich wird nur ein bisschen länger bleiben. Bald wird es wärmer.

Leider denkt man über sein Schicksal nicht, bevor es einen zuschlägt. Es wurde nicht wärmer, jedoch wurde ich ausgenutzt.

„Wir werden Übungen machen,“ sie sagten uns eines Abends. „Ihr werdet auf die Felder fahren und dort zelten. Weitere Befehle bekommt ihr später.”

In zwei Stunden fuhr der Konvoi schon los. Ich sah riesige Felder. „Im Sommer werden sie eine wunderschöne sonnige Farbe haben,” dachte ich abwesend und eine halb vergessene Melodie erklang in meinem Gedächtnis …

Plötzlich wurde der Himmel ganz hell und ich hörte ein ohrenbetäubendes Geräusch. Eine Explosion.

Ich schüttelte mich. „Was ist los?” fragte ich. „Wohin gehen wir?”

„Sei leise!”

Ich sank zurück auf meinen Sitz und vergrub das Gesicht in die Hände, während die Explosionen mir unaufhörlich in den Ohren wiederklangen.

Nachdem wir lange gefahren waren, wurde uns befohlen, anzuhalten.

“Wir brauchen Ressourcen,” sagte der Befehlshaber mit einem komischen Lächeln. “Dort gibt es ein Dorf. Ihr wisst, was ihr machen müsst.”

Als ich durch das Dorf lief, fühlte ich mich, als ob mein Magen wie eine Faust geballt würde. Viele Häuser waren komplett zerstört. Hier und da stieg Rauch empor.

Sanft, wie Schnee, fiel Asche.

Das Dorf schien verwaist zu sein. Alles, was ich hören konnte, waren manchmal die Ausrufe der Soldaten und das Geklapper der Waffen.

Eines der Häuser war nicht total zerstört, sein Fenster war zerschlagen. Ich zog mich auf die Fensterbank und kroch vorsichtig hinein. Scherben splitterten unter meinen Stiefeln, als ich den Raum betrat.

Plötzlich hörte ich etwas. Ein kaum hörbares Lied.

Ich erkannte es. Mir wurde schwindlig.

Wenn Schnee sanft von dem Himmel fällt,

Mein Herz brach wie Scherben auf dem Boden.

und alles scheint wie vorgestellt,

 Mit jedem Schritt durch den Raum.

sing dieses Lied, und glücklich sei,

Mit jeder Zeile.

erinnere dich an mich dabei.”

Immer mehr schwarze Flecken tanzten vor meinen Augen.

Ich trat in den nächsten Raum ein.

Auf dem Boden saßen zwei Leute. Die Große umarmte die Kleine und sang.

Das Gewehr glitt mir aus den Händen und knallte auf das Parkett. Sie bemerkten mich. Die Ältere guckte sich um, um eine Waffe zu finden. Die Kleine starrte mit Angst auf mich.

Dann sah ich nur noch Hannas Augen, die immer größer wurden, als ich, meine Stimme brechend, begann zu singen.

Wenn du auf gelben Feldern bist,

wenn du nicht richtige Wege siehst,

sing dieses Lied, und sorg dich nicht,

vergiss nicht, folg dem Sonnenlicht.”

Marta Lajevec, 4. A